Professor M. Gerner präsentiert Gutachten am niedersächsischen Fachwerktag

Außergewöhnlich hohe Fachwerkdichte im 5Eck

© Prof. M. Gerner: Das Alte Rathaus in Einbeck so wie das Eick‘sche Haus (rechts) mit seinen Verzierungen © Prof. M. Gerner: Das Alte Rathaus in Einbeck so wie das Eick‘sche Haus (rechts) mit seinen Verzierungen

 

 

 

 


Von Juliane Hofmann und Anna Ulrichs

Fachwerkexperte Professor Man-fred Gerner hat aus Anlass des 5. Südniedersächsischen Fachwerk-tages in Duderstadt am 26. August 2016 sein Gutachten „Regionale Identität des Fachwerk-Fünfecks“ vorgestellt. Darin kommt er zu dem Ergebnis, dass in allen fünf Städten des Fachwerk-Fünfecks ein reicher Fachwerkbestand aus sechs Jahrhunderten zu finden ist. Häuser von der Gotik, über die Frührenaissance und Renaissance, zu Barock, Klassizismus, Eklek-tizismus und Gründerzeit finden sich in den Städten, die sowohl in der Konstruktion, wie auch im Schnitzschmuck bauzeittypische Elemente aufweisen. Beachtlich ist aus seiner Sicht die herausra- gende Dichte an Sichtfachwerk – nicht verputztem, freiliegenden Balkenwerk – in den Altstädten. Die Gebäude stehen dabei fast ausschließlich traufständig – mit dem Dachfirst parallel zum Stra-ßenverlauf – ganz im Gegensatz zu Fachwerkregionen in Süddeutsch-land, in denen die Häuser mit dem Giebel parallel zur Straße stehen. Die Traufständigkeit verleihe den Straßenzügen ein städtisches Ant-litz, wie Gerner erklärte.

Dielenstadthaus – ein fünfecktypisches Gebäude
Bei den Arbeiten zu seinem Gut-achten fiel ihm außerdem ein Haustyp besonders häufig auf: von etwa 1450 bis etwa 1600 erbauten die Bürger der Fachwerk-Fünfeck-Region vermehrt einen Haustyp, den Gerner als Dielenstadthaus bezeichnet. Er besteht im We-sentlichen aus einem Erdgeschoss und einem Zwischengeschoss mit durchgehenden Ständern und ei-nem darüber liegenden auskra-genden Geschoss. Dieser Haustyp wird in der Literatur zumeist als „Mischkonstruktion“ bezeichnet und ist bisher noch wenig er-forscht. Diese Häuser wurden ur-sprünglich an einer Seite als reine Dielenhalle mit 5-6 Metern Höhe und einem spitzbogigen Einfahrt-stor benutzt. Der andere Gebäu-deteil besaß ein Erdgeschoss und ein niedriges Zwischengeschoss. Die Dielenhalle konnte je nach Beruf und Stand des Bürgers un- terschiedlich genutzt werden: zur Viehhaltung, zum Dreschen des Korns, als Werkstatt für die Hand-werker oder für das Bierbrauen. In der Haushälfte neben der Diele lag zur Straße hin eine Stube und zur Gartenseite die Küche und die Nebenräume. In den Dielenstadt-häusern sieht Professor Gerner ein großes Potenzial zur modernen Innenraumgestaltung. Insge-samt hat er 220 Dielenstadthäuser im Fachwerk-Fünfeck gezählt.

aSchnitzkunst und Fachwerkschmuck

Besonders vielfältig zeigt sich der Schnitzschmuck der Renais-sance- und Barockgebäude. Neben Fächerrosetten, Schmuckleisten und Profilen treten Vertäfelun-gen, Blendarkaden, Schriftbänder und vollplastische Figuren auf. Als konstruktive Elemente kommen Andreaskreuze, Feuerböcke und Bauerntänze hinzu.
Aus Barock und Klassizismus fin-det man heute große Bestände an zusammenhängenden Hauszeilen. Die fünf Städte liegen in einer einzigartigen Fachwerkkultur-landschaft – sind umgeben von Dörfern und Kleinstädten, die ebenfalls bis heute einen hohen Fachwerkbestand zeigen.

1Baukulturelles Erbe

Manfred Gerner attestierte der Region mit seinem Gutachten ein außerordentliches Kapital an baukulturellem Erbe. Er verwies auf die Notwendigkeit der regelmäßigen Pflege und zeigte einige Beispiele auf, in denen Handlungsbedarf zum Erhalt des Fachwerk- Schatzes besteht. Er unterstrich außerdem, dass zur dauerhaften Erhaltung und Weiterentwicklung der Altstädte die Identifizierung der Bürger mit ihren Städten un-erlässlich ist. Das vollständige Gutachten ist als Download auf der Internetseite des Fachwerk Fünfecks erhältlich: www.fachwerk5eck.d

 

Bilder© Prof. M. Gerner