Historische Baukultur - ein Geschenk an unsere Nachfahren

Denkmalschützerin Krimhild Fricke: „Die Seele eines Fachwerkhauses braucht Gespür“

Denkmalschutz ist ein Dank an die Vergangenheit, der die Gegenwart erlebbar macht und ein Geschenk an unsere Nachfahren ist. Dank der Denkmalschutzgesetze gibt es in Deutschland noch rund 2,5 Mio. Fachwerkhäuser. Allein 2/3 davon stehen im unserer Fachwerk-Fünfeck Region und diese sind die vielfältigsten Europas. Schützende Hände legen unsere Denkmalpfleger über die Baukultur und gehen mit der Zeit … denn, wo Denkmal drauf steht ist auch Denkmal drin?
Im Gespräch mit Frau Krimhild Fricke – Denkmalschützerin in Einbeck.

Fünfeck.SPUeREN.: Jahrzehntelanger Denkmalschutz zahlt sich aus, welches Gebäude sehen Sie, z.b. in Einbeck, als besonders erwähnenswert?
Einbeck ist bekannt als Bier- und Fachwerkstadt und kann auf eine lange Tradition im Fachwerkbau zurückblicken. Die zahlreichen Gebäude aus dem 16. Jh., die direkt nach dem verheerenden Stadtbrand 1540 entstanden und mit aufwändigen Schnitzereien beeindrucken, prägen das Bild der Altstadt noch heute. Vor allem die Gebäude, die die lange Brautradition der Stadt zeigen, lassen mit ihren hohen, steilen Dachgeschossen, den erhaltenen Kellern und den geschnitzten Torbögen als Eingang zu den Braudielen, Geschichte lebendig und greifbar werden. Eine zusammenhängende, zeitgleich entstandene Häuserzeile, wie die Nordseite der Tiedexer Straße, zeigt auf imposante Weise, dass bereits vor 30 Jahren der Wert der historischen Bausubstanz erkannt und mit einer umfangreichen Sanierung Wohnen mit modernem Standard ermöglicht wurde. Nur durch die fortlaufende Sanierung ist diese zusammenhängende Häuserzeile bis heute erhalten geblieben. Mit der momentan geplanten Umgestaltung des gesamten Straßenbereiches soll diese historisch und städtebaulich wichtige Straße an die modernen Bedürfnissen angepasst werden.
Wichtig ist aber vor allem, dass denkmalgeschützte Gebäude von ihren Eigentümern über Jahrzehnte sorgsam in Stand gehalten werden. Dabei sind es nicht die durchgreifenden Sanierungen die hier das Handeln bestimmen, sondern der achtsame Umgang mit dem denkmalgeschützten Gebäude, mit seinen historischen Konstruktionen und Eigenheiten. Beispielhaft hierfür können die Ratsapotheke am Marktplatz und das Gebäude Neuer Markt 33 genannt werden.


Fünfeck.SPUeREN.: Was sind die schlimmsten Fehler die begangen werden können, wenn man historische Häuser saniert?
Für die Sanierung von Fachwerkgebäuden gelten andere Kriterien als im Neubaubereich. Zuerst muss der Bestand genau aufgenommen und anschließend sollten die Vorstellungen mit dem Vorhandenen zur Deckung gebracht werden. Das klingt für viele Sanierungswillige aufwändig und kompliziert und schreckt deshalb manche ab. Bei Sanierungen kommt es aber entscheidend auf gute Vorplanungen an, damit im Bauablauf keine „bösen Überraschungen“ passieren, die eine Sanierung plötzlich unnötig verteuern. Daher ist es immens wichtig sich einen im Altbaubereich erfahrenen Planer zu suchen, der den Bauherren kompetent berät und unterstützt. Natürlich entstehen für eine gute Planung Kosten, die werden aber im Normalfall durch Kosteneinsparungen während der Bauphase mehr als kompensiert.


Fünfeck.SPUeREN.: Welche Schäden verursachen welche Baustoffe?
Baumärkte werben heute mit den zahlreichen Produkten und haben einen großen Kundenstamm. Da liegt es natürlich erst einmal nahe, sich dort mit verschiedensten Baustoffen einzudecken, wenn Arbeiten an einem Fachwerkwerkhaus durchgeführt werden sollen. Leider passen neu entwickelte, moderne Baustoffe nicht unbedingt zu historischen Konstruktionen. Durch den Einsatz von ungeeigneten Baustoffen können in kürzester Zeit Schäden, z. B. Schimmelbildung in den Räumen oder Feuchtigkeitsschäden in der vorhandenen Konstruktion entstehen. Vor allen Dingen gut gemeinte energetische Ertüchtigungen müssen detailliert geplant sein. Bei Fachwerkgebäuden ist die Auswahl der richtigen Baustoffe entscheidend für die nachhaltige Sanierung. Dabei ist es immer ratsam sich an den historisch verwendeten Baustoffen zu orientieren. Lehm ist im Fachwerkbereich bereits seit Jahrhunderten im Einsatz und überzeugt durch seine vielfältigen, positiven Eigenschaften.

Fünfeck.SPUeREN.: Würden Sie sagen, dass die Sanierer oft kein Gespür für die Seele eines Denkmals haben?
Grundsätzlich würde ich diese Aussage nicht unterschreiben. Denkmaleigentümer, die ein Baudenkmal im Familienbesitz haben oder Interessenten, die ein sanierungsbedürftiges Gebäude selbst bewohnen möchten, zeigen meist ein großes Gespür für die Seele eines Baudenkmals. Ihnen ist die Geschichte und die Ausstrahlung des Gebäudes wichtig, sie haben sich bewusst dafür entschieden und sie gehen vorsichtig und sorgsam mit der Substanz um. Anders sieht der Fall z.T. bei Personen oder Personengruppen aus, die die Sanierung eines Baudenkmals als Investitionsobjekt sehen und eine möglichst hohe Rendite erzielen wollen. Da stoßen die Vorstellungen über die maximale Ausnutzung des Gebäudes oft an die Grenzen des Machbaren und Erträglichen für das Denkmal.

Fünfeck.SPUeREN.: Für wie wichtig halten Sie Bürgerinitiativen und Fördervereine der Altstädte, wenn es um kulturelles Erbe geht?
Fördervereine und Bürgerinitiativen sind sehr wichtig um besondere Baudenkmale zu erhalten. Für Einbeck muss die Stiftung Eickesches Haus genannt werden, in der sich zahlreiche Bürger engagiert haben, um dieses bedeutende Baudenkmal zu erhalten. Ohne das Engagement Vieler, denen das Gebäude als Juwel der Fachwerkkunst am Herzen liegt, wäre die notwendige Sanierung nicht möglich gewesen. Zahlreiche Fördervereine kümmern sich um Baudenkmale aus denen kein wirtschaftlicher Nutzen gezogen werden kann und tragen mit vielen Ehrenamtlichen zur Erhaltung dieser Gebäude bei. Die Teilnahme am „Tag des offenen Denkmals“ oder Sonderveranstaltungen ziehen zahlreiche Besucher an und wecken das Interesse an Burgen, Salinenanlagen, Mühlen oder alten Synagogen. Nur so ist es möglich dieses kulturelle Erbe auch für die nächsten Generationen zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.