Geschichte als Wohnort

Ehemaliges Waisenhaus bald erlebbar

Blick in den Innenhof (Visualisierung: Jung Architekten, Hildesheim) Fotos: Stadt Einbeck

Ein Schlüsselprojekt hat sich in der Fachwerkstadt Einbeck herauskristallisiert, das das Wohnen im außergewöhnlichem Denkmal für Jung und Alt möglich macht und dazu beiträgt die historische Stadt zu beleben – das Projekt Baustraße 23.

Das ehemalige Waisenhaus ist ein Gebäude der Einbecker Hospitalstiftung und bot sich als Objekt zur Revitalisierung an, da es länger nicht saniert wurde. Das herausragende Einzeldenkmal ist aufgrund seiner Größe ein wichtiger Baustein in der Sanierung des Blocks mit Vorbildfunktion. Nachdem eine Modernisierungsvoruntersuchung durchgeführt wurde, um genaue Kostenplanungen zu erhalten und die Höhe der erwartenden Fördermittel ermitteln zu können, begannen 2017 die tatsächlichen Arbeiten am Gebäude in enger Abstimmung der Denkmalpflege der Stadt Einbeck.

Barrierearme Wohnungen sind in Entstehung um altersgerecht im Fachwerk wohnen zu können und auch jungen Familien mit Kindern einen attraktiven Lebensraum zu schaffen.
Drei Wohnungen im Erdgeschoss werden direkt von außen erschlossen und bieten mit ihren ein bis drei Zimmern Wohnraum. Im neuen zentralen Treppenhaus wird Platz für das unterbringen von Rollstühlen oder Kinderwagen sein und ein Heizungs- und Wäscheraum wird angeschlossen. Ein vorgesetzter Laubengang aus einer modernen Stahlkonstruktion wird im 1. OG nicht nur weitere Wohnungen erschließen, sondern den Bewohnern auch als Aufenthaltsmöglichkeit mit Blick in den Garten, der Gemeinschaftsfläche, dienen.
Ein später entdeckter Kellerschwamm, der schwere Schäden an dem Haus verursachte, ließ eine Kostensteigerung während der Arbeiten nicht aus. Zwei Millionen Euro betragen die Gesamtkosten der Sanierung. Finanziert wird die Kostensteigerung vor allem über die Förderung durch das „Städtebaulicher Denkmalschutz“ Programm – denn Geschichte zu erhalten ist selbstverständlich.

Das ehemalige Waisenhaus erzählt viele Geschichten

Vom Waisen- zum Wohnhaus

Die Bürgerschaft und die Verwaltung Einbecks standen für die ärmsten Bewohner der Stadt ein, denn am 26. Juli 1712 erließ das »Geh. Rats. Kolleg« eine entsprechende Anordnung zur Einrichtung eines Waisenhauses in Einbeck: »Als bei der von den Gebrüdern Borcholte geschehenen Etablierung der Wand-, Flanell- und Zeugfabrik zu Einbeck in Kgl. Kurfürstlichem Geheimen Rats-Collegio resolviert worden, ein Waisenhaus daselbst anzulegen«. In dieser Anordnung wurde der Einbecker Bürgermeister aufgefordert, ein entsprechendes Haus zu kaufen und auszustatten. Die finanziellenMittel stellte das Kolleg. Die Kinder sollten in den Produktionsprozess eingebunden werden, zur damaligen Zeit gänzlich normal und Kinderarbeit nicht verwerflich. Die Brüder Borcholte eröffneten ihre Fabrik 1709 in der Baustraße und die beiden größten Arbeiterhäuser gegenüber der Fabrik wurden für das Waisenhaus ausgewählt. 1713 eröffnete das Waisenhaus mit 15 Kindern, deren Eltern nicht ausschließlich tot waren, sondern sie auch aus Gründen der Armut in das Waisenhaus abgaben. Sie wurden in Lesen, Schreiben und Religion unterrichtet und arbeiteten in der Wollspinnerei. Immer mehr Kinder kamen dazu, die mit ihrer unterschiedlichen Arbeit etwa 100 Taler im Jahr erwirtschafteten. 1833 diente das ehemalige Waisenhaus auch als Schulgebäude.

Einem Denkmal mit so viel Geschichte darf viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. So hat sich Anja Stadler als Restauratorin dem ehemaligen Waisenhaus gewidmet und sorgte dafür, dass alter Anstrich, die Geschichte und Seele des Hauses erhalten und die Farbbefunde gesichert werden. Eine sehr lohnenswerte filmische Dokumentation finden Sie auf der Website www.fachgebiet.net.