Das Fachwerk-Fünfeck im Visier der Baukulturforschung

Fachwerk-Aktivismus

17-2Häuser sind für das Leben von Menschen eine essenzielle Sache: Sie bieten Schutz und ein Dach über dem Kopf. Sie werden gebaut, bewohnt, instandgehalten und renoviert. In ihnen wird gelebt, geliebt, gestritten, gearbeitet und gewirtschaftet. In alten Gemäuern wie den Fachwerkhäusern in den Fachwerk- Fünfeck-Städten Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode/Harz sind Geschichten eingeschrieben. Diese erzählen von den Eigenheiten der Bewohner, vom Familien- und Wirtschaftsleben unterschiedlicher Generationen, von Stadtereignissen wie Hochwasser, Bränden und Seuchen und von ruhigen Zeiten, die den Menschen in der Stadt die Möglichkeiten eröffneten, erfolgreich Handel, Handwerk und Gewerbe zu betreiben und auch dafür zu bauen. Sie bezeugen den Geschmack sowie die Zeit- und Lebensgeister der Epochen. So wie jeder Mensch einzigartig ist, ist auch jedes Gebäude einmalig. Die gewählten Materialien, deren Gestaltung zu Wänden, Fenstern, Türen und Schnitzwerk, die gewachsenen Dachlandschaften geben den Fachwerkaltstädten ihren Charakter. Die im Fachwerk-Fünfeck kooperierenden Städte sind über Jahrhunderte gewachsen. Die so Haus für Haus entstandenen baugeschichtlichen Spuren gleichen Jahresringen alter Bäume. Die Veränderungen und Anpassungen – größere, kleine, feine – der jeweiligen Lebenswelten verleihen der städtischen Bausubstanz ein einzigartiges Gepräge, Schicht um Schicht. Viele dieser Häuser stellen allerdings heutzutage für private Eigner wie für die öffentliche Hand eine Herausforderung dar. Vor hundert und mehr Jahren von unterschiedlichen traditionellen Gewerken für gänzlich andere als die uns vertrauten Lebensstile zusammengefügt, müssen sie instand gesetzt oder gehalten und für moderne Nutzungen anschlussfähig gemacht werden. Wie Häuser in alten Stadtkernen „vererbt“ und über Genrationen lebendig und bewohnt gehalten werden, erzählt wiederum viel über das kulturelle Gefüge einer Stadt oder einer Region, über lokale Identitäten, Initiative und Ideenreichtum. Die Städtekooperation „Fachwerk- Fünfeck Südniedersachsen“ ist angetreten, um diesen Herausforderungen geeint zu begegnen und Lösungen für Leerstände, Sanierungsstau, die Wiederbelebung des gemeinsamen baulichen Erbes zu finden. Hintergrund ist das Interesse der Initiatoren des fördernden Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“, übertragbare Impulse zu generieren und öffentlich zu machen. Als Wissenschaftlerinnen und Baukulturforscherinnen wurden wir – Birgit Franz von der HAWK Hildesheim/ Holzminden/Göttingen und Dorothee Hemme von der Universität Göttingen – eingeladen, diesen Prozess zu begleiten und bestehende Ergebnisse unserer bisherigen Forschungen in das Unterfangen einzuspeisen. Von unseren Hochschulen kommend ist es gerade unsere episodische bzw. sporadische Sicht auf die Geschehnisse vor Ort, die eine Verknüpfung von Innen- und Außensicht ermöglicht und übertragbare Prinzipien erkennen lässt. Dabei profitiert unsere Arbeit von langjährigen temporären Studien zu den vielfältigen Aktionen in Hann. Münden und anderenorts. Begegnen können Sie uns auf den Vernetzungstreffen zur Vorbereitung des bürgerschaftlich getragenen Festivals „Denkmal! Kunst – Kunst Denkmal! im Fachwerk- Fünfeck“ Damit Sie uns auch erkennen und ansprechen können, finden sie hier einen Schnappschuss von uns, aufgenommen anlässlich unseres gemeinsamen Vortrages während der „FachwerkTriennale15“ am 8. Oktober 2015. Wir freuen uns auf einen Gedankenaustausch und wünschen allen – uns eingeschlossen – gutes Gelingen und viel Spaß!

Sie wollen noch mehr über unsere Arbeit erfahren?
Aus unserer gemeinsamen Arbeit werden wir an dieser Stelle in loser Folge kleine Beiträge zu allgemeinen, grundsätzlichen, fachspezifischen sowie mitunter auch emotional berührenden Themen vorstellen. Einen gemeinsamen Erklärungsversuch zum“ Fachwerkaktivismus“ in Wort und Bild, in diesem Fall am Beispiel Hann. Mündens, können Sie in Heft 1 (2016) der Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen nachlesen (zu beziehen in der CW Niemeyer Buchverlage GmbH in Hameln). Hier erklären wir, wie „Perspektivwechsel“, „Kühnheit“ und „Beteiligungskultur“ als drei wesentliche Prinzipien den Erfolg des seit vielen Jahren zunehmend Fahrt aufnehmenden „Hann. Mündener Fachwerkaktivismus“ ausmachen.

Text: Birgit Franz und Dorothee Hemme