Grundlagenforschung im 5ECK

Inventarisierung bedeutender Fachwerkstädte

1908: repräsentative Klassizismusfassade der 1833 erbauten Villa der einfluß­reichen Osteröder Bürgerfamilie Schachtrupp Am Spritzhausplatz 9, heute Schule, fotografiert morgens kurz vor Unterrichtsbeginn

Von Frank Högg

Auf Initiative des „Fachwerkfünfecks“ erarbeitete ich von April bis August 2017 ein Fachwerkhausinventar der beiden am Westrand des Harzes gelegenen Kleinstädte Osterode und Northeim. Es umfaßt alle 720 Fachwerkgebäude innerhalb der historischen Stadtmauern beider Städte. Jedes der oft wertvollen Holzgebäude wurde fassadenseitig fotografiert, die Fassade nach kunsthistorischen und baugeschichtlichen Kriterien beschrieben und alle Informationen in einer digitalen Tabelle erfaßt. Ziel meiner Arbeit war es, einen weiteren Schritt bei der fachlich fundierten und öffentlichkeitswirksamen Würdigung aller fünf Städte des „Fünfecks“ voranzukommen.

Die kleinen Fachwerkorte Osterode und Northeim genießen derzeit hinsichtlich Beliebtheit bei Gästen leider aber auch im Kreis von Historikern und wie es scheint auch in der Tourismusbranche weniger Beachtung als die drei größeren Fachwerkstädte Einbeck, Duderstadt und Hann Münden. Dies geschieht sehr zu Unrecht, wie die aktuelle hausforscherische Recherche ergibt. Die Altstädte Northeims und Osterodes sind in ihrer erhaltenen Bausubstanz nicht nur aus kunstgeschichtlicher Sicht ebenbürtig sondern aufgrund ihrer Individualität einzigartig. Ein Beispiel hierfür ist etwa der hohe Anteil an nahezu vollständig oder in wesentlichen Teilen aus der ältesten mittelalterlichen Fachwerkepoche bis zum Jahre 1535 erhaltenen Fachwerkfassaden in Northeim. Er beträgt bei insgesamt 377 erhaltenen Fachwerkhäusern mit 34 erfaßten Einzelgebäuden über 9%. Die Fachwerkhäuser aus gotischer Zeit, deren älteste nachgewiesene Vertreter noch aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen, verteilen sich über den gesamten Stadtgrundriß. Dieser wiederspiegelt somit nicht nur in seinem Straßennetz sondern auch im Aufriß das authentische Bild der spätmittelalterlichen Stadt. Das stets besonders vom Harzer Bergbau profitierende Osterode zeigt im Fachwerkhausbestand eine überaus vielseitige gewachsene Siedlungsstruktur vom Wiederaufbau im Renaissancestiel nach dem verheerenden Stadtbrand von 1545 über prosperierende Baukonjunkturen nach dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Rokoko. Vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte Osterode einen ganz eigenen Klassizismus mit schmuckfreudig verbretterten Fachwerkfassaden aus. Als einstiger Hauptort des Westharzer Montanwesens steht Osterode heute mit 146 erhaltenen klassizistischen Fachwerkbauten exemplarisch für die gesamte Region

Angesichts der aus meiner Sicht zahlreichen sehr gelungenen Sanierungserfolge beider Altstädte, wie etwa die Rettung des Wohnhauses des Reformators Corvinius im Schaupenstiel 9 aus dem Jahre 1503 oder des Reddersen-Hauses Am Münster 6 mit einem Kernbau aus dem Jahr 1420 in Northeim oder der Restaurierung des oppulenten Schaugiebels der alten Waage von 1550 und der Restaurierung des klassizistischen bürgerlichen Wohnhauses Scheffelstraße 14 aus dem Jahre 1826 in Osterode erschien eine komplette jetzt digital für vielfältige Zwecke der Planung, Werbung und Information verfügbare Bestandaufnahme dieser Städte wünschenswert. Mit professioneller Fototechnik wurden daher alle ganz oder teilweise in Fachwerk konstruierten Häuser innerhalb des mittelalterlichen Stadtmauerringes aufgenommen. Gleichzeitig wurden alle erkennbaren Eigenheiten der Häuser wie Ornamentik Gebindeanzahl, Konstruktionsweise und zimmertechnische Ausbildung hausweise zusammengetragen.

Die akribische Arbeit im Straßenraum brachte für mich auch sehr interessante Kontakte zu den heutigen Bewohnern und Eigentümern der Häuser. Zahlreiche Osteröder und Northeimer „Häusler“ suchten das Gespräch mit mir als Erfasser oder luden mich sogar teilweise ein, ihre Häuser einmal von innen anzuschauen. Manches verwinkelte Treppenhaus oder mancher geheimnisvoller Dachboden gaben mir dadurch das beeindruckende Bild, wie authentisch viele Häuser auch noch im Innern die Jahrhunderte zahlreicher Bewohnergenerationen wiederspiegeln. Gerade diese Echtheit macht wohl eine Fachwerkstadt aus, wofür sich zu Recht zwei Harzer Fachwerkstädte Quedlinburg und Goslar mit dem Prädikat Welterbestadt schmücken. Ehrlich couragiert wirkt auf mich auch, wie die Fachwerkhausbesitzer mit Herzblut und hohem materiellen Einsatz die oft aufwendige Pflege und Instandhaltung betreiben.