Auf der Walz im Fünfeck

Kann Holz wirklich flüstern?

Der Hintergrund einer Geschichte ist meist sehr vielfältig. Bei der Duderstädter Autorin Michaela Schreier ­war es ein reales Erlebnis, dass sie zum Schreiben veranlasst hat. Schreier: „Ich nehme eigentlich nie Anhalter mit, aber im Frühjahr 2017 stand da ein junger Mann am Straßenrand, den ich einfach nicht stehen lassen konnte. Es war ein Zimmermannsgeselle auf der Walz. Ich war auf dem Weg zu einer Lesung im Theater der Nacht in Northeim und nahm den Burschen dorthin mit. Bald waren wir in einem interessanten Gespräch verwickelt, das mir auch später nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Auch mein letzter Blick auf den Kerl in der typischen Zimmermannskluft, wie er gerade ganz andächtig die gewundene Treppe in dem fantastischen Theater­gebäude hinaufging, hatte sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Kurz darauf entstand die Geschichte „Wächter der Nacht“ – einer meiner Beiträge für die CREATIVO-Anthologie „Fachwerkgeflüster aus dem Eichsfeld und anderswo“. Nun ärgerte ich mich sehr, dass ich wenig Persönliches über den Zimmermann wusste. Spielte er doch die Hauptrolle in dieser Geschichten und wusste nichts davon. Das fand ich sehr schade. Doch – wofür gibt es Facebook?! Ich startete kurzerhand eine Aufruf – und brachte einen gigantischen Stein ins Rollen! Meine Suchanfrage wurde über 2.700 Mal geteilt und ich erhielt eine Flut an Kommentaren, mit Tipps und Anregungen für eine erfolgreiche Suche. Nach vielen Wochen – ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben – kontaktierte mich dann eine junge Dame, ebenfalls Zimmermannsgesellin und walzerfahren. Sie schien „meinen“ Zimmermann zu kennen und stellte einen Kontakt her. Und siehe da – er war es tatsächlich!!! Mittlerweile hat mich Simon, so ist sein richtiger Name, schon einmal besucht. Wir telefonieren wann immer es geht und natürlich hat er auch schon sein Buchexemplar erhalten, welches ihn nun in den nächsten zwei Jahre auf seiner Walz begleiten wird.“

Auszug aus der Geschichte
„Wächter der Nacht“
von Michaela Schreier
… Also saß Toni bald auf der Rückbank und unterhielt sich angeregt mit zwei waschechten Buchschreiberinnen! Schnell fand sich ein gemeinsames Thema: die Fachwerkkunst! Was für Toni der Inbegriff seiner Arbeit war, diente den zwei Autorinnen als Vorlage für ein neues Buch. „Fachwerkgeflüster aus dem Eichsfeld und anderswo“ sollte es heißen. Toni hatte durchaus ein inniges Verhältnis zu dem natürlichen Werkstoff Holz, aber ob es auch flüstern konnte …? Obwohl – wenn er so recht überlegte … Das Knarren und Ächzen, das uralte Fachwerkbalken so manches Mal von sich gaben, konnte man tatsächlich mit einem Flüstern vergleichen. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Die zwei
Frauen steckten ihn mit ihrem Enthusiasmus regelrecht an! Dieses Buchprojekt schien wirklich spannend zu sein. Genauso spannend, wie die Aussicht auf dieses einzigartige Theatergebäude.

„Ein verwunschenes Haus“, hatte die zugestiegene Autorin geschwärmt, „mit Gesichtern in der Fassade, einem Drachenkopf auf dem Dachfirst und einem fantasievollen Gerippe als Treppe. In jeder Ecke sitzen lebensechte Puppen und Marionetten, die einem das Gefühl geben, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden. Einfach magisch!“

Als die drei endlich an ihrem Ziel angekommen waren, staunte Toni tatsächlich nicht schlecht. Das fantastische Theatergebäude schien ihn mit seinen Fensteraugen anzublicken und die zwei überdimensionalen Nasen zu rümpfen, die in der Fassade eingearbeitet waren. Toni blinzelte verwundert. Hatte sich die Knubbelnase an der seitlichen Fassade eben wirklich bewegt? Der junge Mann kniff fest die Augen zusammen und öffnete sie dann wieder. Verwundert starrte er auf die unbewegliche Betonnase und musste dann über sich selbst lachen. Ja, ja – seine blühende Fantasie … Wie oft hatte sie ihm schon einen Streich gespielt …
Eigentlich hatte Toni vorgehabt, auf dem schnellsten Weg weiterzureisen, aber dieses Haus schien ihn regelrecht zum Eintreten aufzufordern. Also folgte der Zimmermannsgeselle den beiden Frauen und ging, vorbei an hölzernen Fantasiefiguren, die jeden Besucher vor dem Haus begrüßten, durch die Eingangstür. Sofort fühlte er sich in eine magische Welt versetzt. Sein Blick fiel als erstes auf den feinen Mosaikfußboden. Dann bewunderte er die handgeschnitzten Holzmöbel, die allesamt kunstvolle Figuren darstellten, und die massiven Holzbalken, die sich quer über die Decke zogen. Doch am auffälligsten war die Treppe, die sich in Form eines riesigen, fossilartigen Gerippes in die Höhe schlängelte.

Auf einem Pfosten vor dem Treppenaufgang, hockte ein kleiner, hölzerner Drache, der ihn mit listigen Augen und zurückgelegten Ohren wild anfunkelte. „Du gefällst mir!“, lachte Toni und strich der Holzfigur sachte über den Kopf …