„Göttliche Vergesslichkeit“ von Melanie Buhl

Liebevolle Hommage an die Urgroßmutter

Der Hintergrund dieser Geschichte ist die zunehmende Vereinsamung der Menschen, insbesondere der älteren Mitbürger. Die Rüdershäuser Autorin Melanie Buhl nahm sich für ihre Geschichte die eigene Urgroßmutter zum Vorbild, und erzählt wie die persönliche Einstellung dabei hilft, mit den Tücken des Alleinseins fertig zu werden.

„Ich erlebe in meinem Umfeld immer öfter ältere Menschen, die, wenn sie viel allein sind, leicht verbittern. Besonders wenn der geliebte Partner nach vielen gemeinsamen Jahren stirbt, Kinder und Enkel nicht vorhanden sind oder weit weg wohnen, wird es für die Menschen auf den Dörfern immer einsamer. Soziale Kontakte zu Nachbarn und Freunden werden, weil man nicht mehr so mobil ist, auch weniger. Die Läden, in denen man in früheren Jahren noch ein Pläuschchen halten konnte, sterben aus. Wenn dann noch der lange dunkle Winter naht, wird es besonders dramatisch.
Die persönliche Einstellung zu den Höhen und Tiefen des Lebens, und der Halt den viele im Vertrauen auf Gott finden, scheint eine Menge mit der individuellen Zufriedenheit zu tun zu haben.

Meine eigene Urgroßmutter hat ihren Mann sehr früh verloren, aber selber ein sehr hohes Alter erreicht. Dadurch ergaben sich 32 lange Jahre ohne Partner. In der ersten Zeit waren noch Familienmitglieder in der Nähe, aber auch die starben oder zogen fort. Meine Omi war nie verbittert, hat aber oft den Satz gebraucht: „Der liebe Gott hat mich sicher vergessen“, besonders nach dem sie die 90 Jahre überschritten hatte. Sie hat sich zeitlebens an Kleinigkeiten gefreut, war fröhlich und voller Gottvertrauen und hat uns Urenkeln immer ihre Zeit und unzählige Geschichten aus ihrem bewegten Leben geschenkt. Ihre positive Lebenseinstellung war bewundernswert.

Ihr habe ich die folgende Geschichte gewidmet:

Auszug aus der Geschichte
„Göttliche Vergesslichkeit“ von Melanie Buhl
„75 … 76 … 77 … 78 … 87 … 88 … ach schon wieder verzählt.“ Rose ließ genervt das Strickzeug auf den Schoß sinken. Es fiel ihr immer schwerer, sich zu konzentrieren. Der Kopf wollte einfach nicht mehr so, wie in jungen Jahren. Immer öfter saß Rose nur da und schwelgte in Erinnerungen an früher. Früher, als alles besser war, als sie jung war, als Will noch lebte, als ihre Töchter klein waren, als sie das Haus bauten, als der Krieg begann und wieder endete. Das Leid, das der Krieg mit sich gebracht hatte, blendete sie jedoch gekonnt aus den Erinnerungen aus.
Jetzt war schon seit langem Frieden, aber sie war auch allein. Will lag schon viele Jahre auf dem Friedhof, die tückische Krankheit hatte ihnen kein langes gemeinsames Leben gegönnt. Auch eine ihrer Töchter hatte sie schon zu Grabe tragen müssen. Die andere wohnte weit weg und kam nur selten um die alte Mutter zu besuchen.
So saß Rose von Tag zu Tag allein in ihrem kleinen, windschiefen Fachwerkhäuschen. Die Lehmwände und der Holzofen spendeten eine behagliche Atmosphäre. Aber so ganz allein, niemand da mit dem sie ihr Leben teilen konnte, blieb es für Rose im Innersten kalt. Manchmal, wenn im Winter der eisige Ostwind über das Land strich, knarrte das alte Häuschen. Er hörte sich fast so an, als flüsterten die Holzbalken von alten Zeiten. Rose lehnte sich dann in ihrem Sessel zurück, schloss die Augen und träumte sich in vergangene Zeiten, als das Haus noch voller Leben war.
Das Häuschen lag am Ende der schmalen Straße, die sich den Berg hinauf schlängelte. Die Straße ging an ihrem Ende in einen Wirtschaftsweg über. Bei Sonnenschein lockte der gut ausgebaute Weg zahlreiche Wanderer an ihrem Fenster vorbei, die gern auf ein Schwätzchen stehen blieben. Heute jedoch blieb er leer.
Sie strickte, sah aus dem Fenster, strickte und sah wieder aus dem Fenster. Die wenige Hausarbeit ging ihr noch gut von der Hand, und wenn etwas nicht mehr so gut klappte, halfen ihr ihre zwei Enkeltöchter Lisa und Dorle. Dafür war sie sehr dankbar. Lisa war mit dem Schlachter Hans verheiratet und brachte ihr so manche Eichsfelder Köstlichkeit. Als Gegenleistung dafür hatte Rose ihren Dachboden als Lagerraum für die köstlichen Mettwürste von Hans zur Verfügung gestellt. Nur in diesem besonderen Lehmklima reifte die warm verarbeitete Mettwurst zu einer echten Eichsfelder Stracke oder Kälberblase heran. Heutzutage gab es nicht mehr viele dieser Lehmböden und die wenigen waren sehr begehrt.

Trotz all dieser Menschen, die sich rührend um sie kümmerten, blieb Rose die meiste Zeit allein. „Der liebe Gott hat mich vergessen“, lautete ein Satz, den sie immer öfter dachte und manchmal auch sagte. „Es ist doch an der Zeit, dass ich meinen Will im Himmel wiedersehe.“
Aber sie blieb bei bester Gesundheit und der Tod schlich wie ein geprügelter Hund an ihrem Haus vorbei und holte nur nach und nach ihre Nachbarn, Freunde, ihre letzte verbliebene Schwester und die Wellensittiche ihrer Nichte.

Der Himmel verdunkelte sich und Rose sah im Schein der Straßenlaterne, wie winzige Schneeflocken herabfielen. Auf dem grünen Rasen blieben sie nicht lange liegen und schmolzen dahin. Dann wurden die Flocken größer, das Gewirbel immer dichter. Jetzt hatte das Grün keine Chance mehr und musste dem weichen Weiß Platz machen. Stundenlang starrte Rose hinaus und beobachtet dieses Schauspiel. Sie liebte ihre Heimat, das Eichsfeld, auch wenn es in dem kleinen Dorf immer leerer wurde und manchmal schon recht einsam war.

Die wenigen Autos, die vorbeifuhren hinterließen tiefe Furchen und manch einer hatte Probleme den Berg heraufzukommen. Schwere Gedanken legten sich auf Roses Gemüt. Das Frühjahr war noch lange hin. Und so lange wagte sie sich kaum vor die Tür. Zu groß war die Angst auszurutschen, zu fallen und sich womöglich etwas zu brechen. Wenn sie ins Krankenhaus müsste, wäre das vermutlich ihr Untergang. Das wollte sie nicht. Sie wollte zuhause sterben, friedlich in ihrem Bett. Ja – und das am besten bald! „Aber der liebe Gott hat mich sicher vergessen.“ War wieder ihr trauriger Gedanke.
Plötzlich hörte sie die Hoftür knarren. Lautes Gelächter klang durch den Flur, als ihre vier Urenkel hereinplatzten. „Omi, Omi, hast du gesehen? Es schneit! Dürfen wir in deinem Garten einen Schneemann bauen? Ja? Bitte, bitte“, bettelten sie stürmisch …