Die gesellschaftliche Lobby des Denkmalschutzes:

Oberflächlich-konsensual oder engagiert?

Von Paul Zalewski

Spätestens in den letzten zehn Jahren wurde deutlich, wie groß die quantitativen und qualitativen Herausforderungen sind, die den historischen Baubeständen im Zusammenhang mit dem demografischen, klimatischen oder kulturellen Wandel bevorstehen. Zeitlich parallel dazu sorgte auch das Verhältnis der Landespolitik zur Landesdenkmalpflege mehrmals für Verunsicherung. Letztere hat es zudem immer schwerer, der Öffentlichkeit ihre Botschaften zu vermitteln. Aufgrund der beschleunigten und globalisierten Informationsvermittlung werden sachliche Informationen zum
Denkmalschutz durch mediale Dauerschlachten überlagert und blitzartig relativiert, zumal die letzte spektakuläre und heroische Daueraufgabe – die Stadtsanierungen in den neuen Bundesländern – weitgehend abgeschlossen ist.

Angesichts der umfassenden Situationsveränderung ist es nicht verwunderlich, dass in den fachinternen Debatten nach Allianzen mit Akteuren an einem ganz anderen Pol gesucht wird. Gemeint sind jene Akteure, von denen auch die regierende Exekutive abhängig ist: die Zivilgesellschaft. Wie ist es um deren Interesse am Kulturerbe bestellt? Es scheint, dass wir es hier unter anderem mit zwei mehr oder weniger positiven, aber unkoordiniert wachsenden Positionen zu tun haben.

Die erste lässt sich als eine oberflächlich-konsensuale Position bezeichnen. Die Sanierung ganzer Denkmallandschaften, die allumfassende Ästhetisierung im touristischen Destinationsmarketing und in der medialen Selbstdarstellung der Kommunen sorgen für einen Grundkonsens hinsichtlich der Pflege der Denkmalsubstanz, zumal aufgrund der Bildungsexpansion sowie der gestiegenen Freizeitmobilität die „immobilen Attraktionen“ zum zuverlässigsten – häufig auch zum wichtigsten – Wirtschaftsfaktor aufgestiegen sind. Das Problem liegt jedoch wie immer im Detail. Wir haben es hier mit einem Prozess der Ökonomisierung der Ästhetik und der Ästhetisierung der Ökonomie zu tun, der keinesfalls durch die Denkmalpflege, sondern durch die „Kulturindustrie“ angetrieben und gelenkt wird. Schaut man hinter die Kulissen dieser Prozesse, so lassen sich mehrere Probleme feststellen, wie beispielsweise ein „Branding“ der Baudenkmale, die am liebsten als eine herausgeputzte „The Best of …“ präsentiert werden sollen. Der oberflächliche Konsens bezüglich der Stadtbildpflege führt auch zur Komplettierung des Altstadt-Flairs mit zweifelhaften Rekonstruktionen. So wird ein Zentrum als ein identitätsstiftendes Produkt dargeboten, das sowohl die trivialen Stadtfeste als auch die ambitionierten Studiosus-Reisegruppen anzieht.

Die zweite und zugleich interessantere Position in der diffusen Lobby des Denkmalschutzes lässt sich als „engagiert“ bezeichnen. Hierzu zählen beispielsweise die in letzten Jahren bekannt gewordenen Gemeinschaften von (nicht gerade reichen) Bauherren, die in Leipzig mit einem Streich mehrere Gründerzeithäuser handwerklich-pietätvoll sanieren. Gleichwohl gibt es ähnliche Phänomene nicht nur dort, sondern in jeder größeren Stadt und deren Umkreis. Ist dieses Engagement eine Konsequenz des Pathos, mit dem gelegentlich die Kulturdenkmale als „höchstes Gut der Nation“ beschrieben werden? Oder ist es ausschließlich den großzügigen Abschreibungsmöglichkeiten und billigen Baukrediten zu verdanken? Während das nationale Pathos als Kultur-Fossil in der Mitte der Gesellschaft längst ausgetrocknet ist, reichen wohl auch die rein ökonomischen Erklärungsmodelle nicht aus. Immerhin verbringen die Vertreter dieser Gesellschaftsgruppe ihre besten Jahre beim Schuften auf Sanierungsbaustellen und nicht etwa beim unbesorgten Weltenbummeln. Diese Gruppe ist tatsächlich sehr bedeutend für die Denkmalpflege, da ihre Vertreter nicht nur als schöngeistige „Konsumenten“ des Kulturerbes auftreten, sondern vor allem als dessen „(Ko-)Produzenten“.

Auf der Suche nach einer aktiven, produktiven Lobby des Denkmalschutzes in der Zivilgesellschaft bleiben also zwei Fragen zu klären. Erstens: Welches sozio-kulturelle Potential steckt in derartigen Projekten? Zweitens: Wie können wir ein derart engagiertes und „verstehendes“ Publikum gewinnen und zu Investitionen in historische Bausubstanz bewegen? Dies ist insofern bedeutend, als der gesamte deutsche Immobilienmarkt jetzt in einem entscheidenden Umbruchmoment steckt: Gigantische Erbmassen werden zurzeit von der älteren an die jüngere Generation übergeben…

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