Street Art schreibt Einbecker Geschichte

Generationsübergreifende kunstvolle Stadtgestaltung

Geschichtsträchtiges Treffen. Foto: YOUNGART Einbeck

Stadtgeschichte haushoch ist das Motto der Installationskünstlerin Patricia Keil alias pARTicia. Bereits im Jahr 2018 hat sie mit der kunstvollen und unübersehbaren Gestaltung des „Blaudruckhauses“ bewiesen, dass die breite Masse an Bürgern so wunderbar für Einbecker Schätze adressiert wird. Auch getragen durch die beachtliche positive Wirkung des „Blaudruckhauses“ thematisierte die Künstlerin im Rahmen der 6.Street Art Meile wieder ein altes Kunsthandwerk in einem neuen Werk, da man über geschichtsfokussierte Kunst in einzigartiger Weise dazu beitragen kann,dass auch Kinder und Jugendliche einer Stadt Traditionen bewusst wahrnehmen und Häuser sogar anfangen ihre Geschichten zu erzählen.

Aluminiumbleche zaubern den 3D Effekt.

Dessins vergangener Jahrzehnte ziehen sich nun kunstvoll über die Fassade am Rosental 1. Aufwendig Handgemaltes, Schabloniertes und echte Musterwalzen erinnern an die Zeit der Kunstgewerbestätten der Firma Raabe, die vor rund 100 Jahren ihre Arbeit aufgenommen hat. Musterzeichner entwarfen täglich neue Tapetendessins die die Formstecher in unglaublich aufwendiger Handwerkskunst rollbar machten und zur Gestalterin des Raumeindrucks verwandelten.
Zu Beginn wurde von den zu rekonstruierenden Tapeten für jede Druckfarbe eine Zeichnung vom Musterzeichner angefertigt, die die Farbreihenfolgen berücksichtigt. Um die einzelnen Musterzeichnungen auf die Druckwalzen – meist aus Ahornholz- zu übertragen, bediente man sich eines sogenannten Kritzpapiers. Mit einem „stichel“artigen Werkzeug wurde das Muster eingekritzt, das darauf erneut nachgeritzte Muster mit Hilfe von Druckerschwärze auf die Holzoberfläche aufgetragen und die vorgegebene Kontur mit einemkleinen eisenartigen Werkzeug, dem Vorschlag, 3-4mm tief vorgestochen. Die einzelnen „Figuren“ wurden aus geschärften Messingstreifen und gezogenen Profilen entsprechend der Zeichnung angefertigt und in das vorgestochene Holz eingesetzt. Um große Farbflächen drucken zu können, wurden die blechumrandeten Druckflächen mit Filz ausgefüllt, mit Schellack getränkt und abschließend, um Höhenunterschiede auszugleichen, am Schleifstein überschliffen. Je nach Aufwand des Motivs bedeutete eine Musterwalze bis zu 120 Stunden Arbeit pro Farbe. „Dass man wie heute Tapeten mit Mustern einfach von der Rolle kauft wurde erst durch das Handwerk der Formstecher im letzten Jahrhundert im großen Stil möglich und man wird sich des Luxus der heutigen Zeit bewusst.“ so Projektleiterin Patricia Keil.

Recherchieren im Stadtarchiv und das Wälzen alter Tapetenbücher, Besuch im Museum, Schweif durch die Stadtgeschichte und ein Schablonen-Workshop mit den Schülern, die maßgeblich an dem Projekt beteiligt waren, Gespräche mit Ehemaligen Mitarbeitern der Fa. Raabe füllten das Projekt mit kunstvoller Seele. Auch die Arbeit am Haus dauerte seine Zeit.“Ich musste schmunzeln- auf 7,75 m Breite und 12,50 m Höhe passen schon ein paar Tapetenrollen nebeneinander. Nach vier Wochen Arbeit sind wir froh, dass es nun offiziell präsentiert wird.“ so die Künstlerin mit ihrem Team.
Streich- und Tupfarbeiten vollführten die Schüler und auch Raum für eigene Ideen bot sich an. So entstanden die „Cecilschen-Streifen“ von Cecile Dogan und das Mörser Motiv von Carolin Weber. „Ich hätte nicht gedacht, dass das alles so aufwendig wird.“ so die Schülerin. Ein typisches 70´er Jahre Grün musste natürlich her, aber auch klassische Streifen, Ornamente und Rosenmuster. Gerollte Aluminiumbleche und alte Musterwalzen lassen den Eindruck enstehen, dass die Tapeten am Haus in Bewegung sind. Historische Bilder zieren das ehemalige Geschehen im Haus und führen dem Betrachter die Handwerkskunst vor Augen. Rund 297 Meter Abklebeband und viele Liter harmonisch abgestimmter Farben wurden bei Sonne und Regen verarbeitet.

Penibles Tupfen über den Dächern Einbecks.

Die Erinnerungen an die ehemaligen Kunstgewerbestätten Raabe entfachten fast täglich, wenn ehemalige Formstecher mit ihren Gesellenstücken kamen und die aufwendige Arbeit hautnah erläuterten oder Musterzeichnerinnen herzlich in Erinnerungen schwelgten. Als 1983 die Kunstgewerbestätten ihre Türen schlossen hinterließen sie viele leere Staffeleien, Werkbänke und Geschichten.
So nahm pARTicia diese kurzweiligen Gespräche am Haus zum Anlass ein Ehemaligen Treffen zu organisieren.
Vergangenen Samstag versammelten sich so neben den Projektbeteiligten rund 30 Ehemalige Formstecher und Musterzeichnerinnen ehemaliger Einbecker Institutionen, überwiegend der Fa. Raabe. Ein Gruppenfoto am kreativ entfachten Haus und herzliche Umarmungen der einstigen Kollegen und Kolleginnen war der Beginn dieses Treffens. In der TangoBrücke machten alte Bilder die Runde, lachend wurde von Früher erzählt und des öfteren war das Erinnern an Gesichter nach 40 Jahren garnicht so einfach. Die Freude über das Treffen war groß. So machte sich ein ehemaliger Formstecher sogar aus Oldenburg auf den Weg und die älteste Teilnehmerin mit 88 Jahren präsentierte noch nie gesehene Fotografien aus den Betriebsjahren 1955. Die meisten wünschen sich eine Wiederholung solch eines Treffens, denn es sind immer ein paar die nicht dabei sein können und die Zeit oft zu kurz um sich mit allen zu unterhalten. Für ein paar Stunden ist ein wichtiger Teil Einbecker Geschichte zusammen gekommen den es wertzuschätzen gilt.
„Kreativ beseelt erzählt das Haus, was es einst beherbergt hat und stellt Touristen, Bürgern und neugierigen Kindern eindrucksvoll vor, welchkunstvolles altes Handwerk einst hinter der bunten Fassade betrieben worden ist. Generationsübergreifende kunstvolle Stadtgestaltung ist die Zukunft, da bin ich mir sicher.“ so die Künstlerin pARTicia.